Wissen, wie’s geht

by italiona
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Wichtige Hinweise zur Völkerverständigung

Nun ist es ja schon eine Weile her, daß ich mich hier schriftlich betätigt habe und es wäre sicherlich noch längere Zeit so geblieben, hätte mich nicht heute Vormittag Marco, mein Nachbar, Freund und liebster Gesprächspartner, seines Zeichens Hobbykoch, gebürtiger Wassermann und Piemontese mit sizilianischen Wurzeln, gerade darauf angesprochen:

Da er von meiner eher zaghaften Nutzung dieser Plattform hier weiß, bat er mich, einige Informationen an meine Landsleute weiterzugeben, deren Verbreitung ihm, und wie er es einschätzt, auch fast allen anderen seiner Landsleute am Herzen liege. So hätte ich was zu schreiben und er ein ruhigeres Leben.

Wenn es sich um etwas so Wichtiges zu handeln scheint, war mein Interesse natürlich geweckt und schon erklärte er mir im Einzelnen, was seiner Meinung nach außerhalb Italiens bekannt(er) gemacht werden sollte, ja, was sogar bei Nichtbeachtung von Gesetzes wegen verboten sein müßte!

Um also im nächsten Italienurlaub nicht mit dem dann eventuell tatsächlich bestehenden Gesetz in Konflikt zu kommen (und im Gesetzemachen ist man hier recht flott), nun also die Hinweise von einem Auskenner:

CAPPUCCINO TRINKT MAN NICHT ZUM ESSEN

…, sondern nur so ohne alles, höchstens einen und auch nicht mehr viel später als 11.00 Uhr, es sei denn, es handelt sich um einen kalten Novembernachmittag, dann dient der Kaffee mit aufgeschäumter Milch, wie auch eine cioccolata calda (heiße Schokolade), zum Aufwärmen, ausnahmsweise!, allerdings nur bis gegen 17.00 Uhr, da schon kurz danach die Zeit des ‚aperitivo’s beginnt, mit dem man seinen Magen auf das Abendessen vorbereitet.

PIZZA ISST MAN MIT DEN HÄNDEN

… , nachdem sie in Achtel oder Sechstel, je nach Geschicklichkeit, mit dem Messer zerschnitten wurde. Die so entstandenen ‚Tortenstücke‘ werden längst zur Mitte hin leicht eingeknickt, um ihnen mehr Stabilität zu geben und mit der meist labbrigen Spitze voran mit der bloßen Hand zum Munde geführt. Wie in jedem Bad ein Bidet, so findet sich zu jeder Mahlzeit eine Serviette zur Reinigung der Körperöffnung(en). Von beidem wird gern und häufig Gebrauch gemacht.

ZUR PIZZA TRINKT MAN BIER

… und zwar ein leichtes, kein zu geschmackvolles wie etwa Guinness. Wein, egal welcher couleur, geht gar nicht. Wasser, ob mit oder ohne Sprudel auch erst zuhause vorm Schlafengehen gegen den Durst, den die Pizza als Abendessen nun mal nach sich zieht.

WEIN TRINKT MAN ZU (FAST) ALLEN ANDEREN GERICHTEN DER PIEMONTESISCHEN KÜCHE

…, die in den meisten Fällen sehr gehaltvoll sind. Um einem plötzlichen Verdauungsstop oder auch Darmverschluß/Kreislaufkollaps/Entleerung nach oben hin/vorzeitigem Ableben/etc. nach einer Mahlzeit entgegenwirken zu können, bedarf es im Idealfall eines Barbera 13. Dolcetto würde auch helfen, Hauptsache, die Gradzahl stimmt. 13% und aufwärts versprechen wohltuende Hilfe. Alle anderen Tischgetränke sollten nur mit dem Hinweis ausgeschenkt werden dürfen, daß deren Verzehr auf eigene Gefahr geschiehe. Der im Anschluß gereichte Grappa oder andere Hochprozentige wird durch den Weingenuß NICHT obsolet.        Später dazu mehr.

Für’s Erste genüge ihm, diese den kulinarischen Bereich betreffenden Regeln zu verbreiten, des weiteren müßte auch die Verwendung von den leider vielerorts gebräuchlichen ‚finta siepe‘, Balkonbrüstungsverkleidungen aus Plastikblättern, die Ähnlichkeit mit einem Tarnnetz haben, untersagt werden. Ich versprach ihm, auch bei allen anderen kulturellen Besonderheiten als sein Sprachrohr zu fungieren. Auffällig ist jedoch jetzt schon, wie wichtig das Essen im Allgemeinen ist.

Nachdem ich nun schon einige Zeit im Norden Italiens verbringe, ist es für mich nicht mehr so ungewöhnlich wie anfangs, um wieviel mehr die Menschen hier der Nahrungsaufnahme Aufmerksamkeit schenken. Daß das Essen in jeglicher Hinsicht im Land des dolce vita einen hohen Stellenwert besitzt, ist ja allgemeinhin bekannt. Doch tagein,tagaus hautnah mit einer für mich nicht so sehr im Vordergrund stehenden Beschäftigung konfrontiert zu sein, läßt doch ganz andere, und vor allem tiefere Einblicke zu.

Jeden Freitag kann ich auf dem Wochenmarkt beobachten, wie sich vor dem Kauf nach der Herkunft des Obsts und Gemüses erkundigt wird. Kommt es aus dem eigenen Land, wird es lieber gekauft, selbst wenn es mehr kostet als die Paprikaschote aus Spanien. Auf Qualität und Frische der Ware wird großer Wert gelegt, obwohl die Lebenshaltungskosten spürbar höher liegen, bei deutlich niedrigeren Einkommen.

Andererseits finden sich im Regal eines ‚Ipermercato‘ (Riesensupermarkt a la real z.B.) für Babynahrung nur eine einzige Sorte!!! Babykost ohne Fleisch. Also nur einmal gemischtes Gemüse. Ansonsten kann man über mehrere Regaletagen zwischen verschiedenen Fleisch- Geflügel- und sogar Fischsorten wählen. Babybreie gibt es gar nicht, nur Kekse, die in Milch geschüttelt und dadurch aufgelöst werden. Andere Länder, andere Sitten….

Auch wenn der Durchschnittsitaliener schon sehr unter der ‚crisi‘ zu leiden hat, ist er bereit, für einen Restaurantbesuch 40 bis 50 Euronen pro Kopf auszugeben. Die kommen bei einem 3 – gängigen Mahl plus Wein (Verdauungshilfe) und digestivo (Schnaps/Verdauungshilfe) und cafe (Verdauungshilfe) auch leicht zusammen. Dafür hat man aber auch 3 – 4 Stunden seines Lebens in netter Runde in einem zur Zeit schon beheizten Raum verbracht und muß sich nicht mal um den Abwasch kümmern. Die anwesenden Kinder schlafen dann meist trotz hohem Geräuschpegel und mindestens zwei, jeweils unterschiedliche Programme zeigende Flachbildschirmfernsehern, in ihren hyperschicken Plastikbuggys oder rennen kreischend um die Tische der anderen Gäste, je nach Tageszeit.

Abgesehen davon, daß man auch ganz kleine Kinder abends nicht in ihren Bettchen schlafen läßt, sondern sie überall dahin mitschleppt, wohin man sonst so ausging, als man noch keine Kinder hatte, kommen die kleinen Erdenbürger auch schon entgegen aller in unseren Gefilden bekannten Ratschläge mit der oben erwähnten Verdauungshilfe in Kontakt.

Auf meinen Einwand hin, wie denn die vielgepriesenen Gaumenschmäuse, als da z.B. sind

  • bagna cauda
  • bollito misto
  • fagioli grassi
  • trippa
  • fritto misto alla piemontese
  • polenta e merluzzo
  • cotechino
  • lingua al verde

bei denen es sich meiner Meinung nach eher überwiegend um Hundefutter handelt, von kleinen Kindermägen zu verdauen sind, wurde mir nicht nur einmal erklärt, daß da auch schon mal ein Schlückchen Rotwein zum Bäuerchen machen gereicht wird. Und um das  Einschlafen im zarten Babyalter zu erleichtern, tunkt man den Nuckel einfach in das Grappaglas, dov’è il problema? (Wo ist das Problem?)

Dazu muß ich allerdings erwähnen, daß ich hier keine bierflaschenschwenkenden Jugendliche oder gar Volltrunkene herumirren sehe, egal zu welcher Tageszeit. Stil ist halt Stil, eine weitere Besonderheit des italienischen Volkes. So wackelt dann auch so manche junge Mutti in ihren High Heels hinter dem Kinderwagen her, an dem sie sich ein bisschen festzuhalten scheint, um beim obligatorischen Kontrollblick im spiegelnden Schaufenster nicht umzukippen. Was muß, das muß….

Natürlich sei all das Erwähnte mit einem Augenzwinkern zu verstehen, wäre ja noch schöner, wenn es nur die eine richtige Weise gäbe, sich den Bauch vollzuschlagen oder seine Kinder aufzuziehen. Suum cuique.

 

 

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