Wo fängt es an und wo hört es auf, das Leben?

by italiona
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Bagnasciuga ∼ Fließender Übergang

Im Italienischen gibt es den Begriff ‚bagnasciuga‘, den man wörtlich etwa mit ’naßtrocken‘ übersetzen könnte. Damit wird der Bereich am Strand beschrieben, an dem sich Wasser und Sand begegnen. Dort geht man gern barfuß spazieren, wenn man das Meer liebt. Diese Zone hat keine festen Grenzen, mal sickert das Wasser hier, mal dort in den Sand ein, je nachdem, wie stark die Welle war. Sie bildet den flexiblen Übergang von einem Erdenelement zum anderen, grenzt ab und verbindet gleichermaßen.

Für mich bietet diese bewegliche, naß-trockene Meereskante ein perfektes Gleichnis zu unserem Erdenleben. Wir bewegen uns während unserer Inkarnation in diesem Bereich, aus dem Wasser kommend, zur Erde gespült. Wann die Welle umkehrt, welche Spuren sie hinterläßt, ist unvorhersehbar und trotzdem ein virtuoses Zusammenspiel von Zeit und Raum.


Wenn man mit dem Tod konfrontiert wird, bleibt es nicht aus, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen. Das Gleiche gilt leider nicht in gleichem Maße für den umgekehrten Fall. In der Regel lebt der Durchschnittsmensch so daher, von Tag zu Tag, ohne sich bewußt zu machen, daß der Tod, also das Gegenteil der Geburt, in jedem Moment vorbeischauen kann.

Natürlich gibt es Situationen und Umstände, in denen eine Erinnerung an die Endlichkeit unseres Erdendaseins aufflackert. Meistens handelt es sich dabei um schmerzhafte Erlebnisse wie Unfälle, Naturkatastrophen, Krankheit oder Krieg. Eher seltener geschieht es hingegen, daß in besonders glücklichen Zuständen deren mögliches Ende ein Reflektieren über Leben und Tod nachsichzieht.

Ich möchte nicht behaupten, daß wir uns momentan global in freudigen Umständen befänden, nutze jedoch diese Zeit des aufgezwungenen Rückzuges durch Abkehr vom bisherigen Lebensstil, um ein Nachdenken über elementare Dinge, die unser Leben auf diesem schönen Planeten betreffen, anzuregen. Nicht zuletzt werden die angeordneten Maßnahmen zum Schutze aller mit einer großen Gefahr für Gesundheit und Leben begründet.

Würde ein Blatt Angst vorm Herbst haben?

Bedeutet diese Jahreszeit nicht seinen Tod? Fürchtet es sich vor dem unweigerlichen Laubfall? Ohne es mit absoluter Sicherheit sagen zu können, vermute ich mal, daß es einfach fällt, wenn seine Zeit gekommen ist. Dieser Zeitpunkt wird gemeinhin nicht durch irgendein eigenes Zutun bestimmt, sondern geschieht scheinbar abhängig von äußeren Umständen wie Umgebungstemperatur oder Wasserversorgung. Oder hängt es vielleicht auch davon ab, wann jedes einzelne Blatt ‚geboren‘ wurde? Vielleicht steht ja jedem nur eine gewisse Anzahl an ‚Hängetagen außerhalb der Basis‘, also der Zweige, zu und wenn diese verstrichen sind, löst sich die Verbindung zwischen der Materie und seiner Quelle?

Aber wer kann das schon wissen, wie es ist, ein Blatt an einem Baum zu sein…

Kann vielleicht doch jedes Blatt selbstbestimmt entscheiden, wann es zu Boden sinkt und sich dem Kreislauf der Verrottung beziehungsweise dem ewigen Ablauf von Vergehen und Werden ergibt?

Die Frage, die sich ein mehr oder weniger bewußter Mensch und jeder Philosoph immer wieder einmal stellt, beschäftigt sich genau mit dieser Ungewißheit: Haben wir als denkende Wesen eine Entscheidungsfreiheit oder wird unsere Existenz von einem Schicksal, also einer von uns unbeeinflußbaren Vorbestimmung gelenkt?

Ich selbst fand mich schon einige Male in Situationen wieder, die einen schicksalhaften Einfluß auf mein Leben hatten und immer noch haben.

Ich habe seinerzeit keine bewußten Entscheidungen getroffen, um ein bestimmtes Ergebnis herbeizuführen, aber eben bestimmte Ereignisse führten zu einem grundlegenden Richtungswechsel in meinem bisherigen Dasein. Eines dieser Geschehen zum Beispiel führte zur Geburt meiner drei wundervollen Söhne, obwohl ich als junge Frau davon überzeugt war, mein Leben nicht als Mutter verbringen zu wollen.

Für mich war es eine schicksalhafte Fügung, daß ich, nachdem ich meinen Mann kennen- und liebengelernt hatte, in mir der Idee Raum gab, wie schön es doch sein könnte, eine Familie zu gründen. Kurz darauf wurde ich Schlag auf Schlag schwanger, und ich bin nicht nur für drei komplikationslose Geburten dankbar, sondern erst recht für drei gesunde Geschöpfe, die aus uns heraus entstanden sind. Was für ein Wunder!

Das oben Beschriebene ist nur eine, genaugenommen DIE einflußreichste Vorsehung in meinem bisherigen Leben gewesen. So zumindest interpretiere ich es.

Im Gegensatz dazu entspräche die Annahme, daß ein Blatt selbst bestimmen könnte, wann es vom Baum fällt der Überzeugung, daß der Mensch über einen freien Willen verfügt und mit seinen Entscheidungen seine Zukunft bestimmen könne. Zweifellos haben wir anhand unserer Vorstellungskraft die Möglichkeit, im Geiste ein jegliches Szenarium zu erschaffen. Somit erweckt der imaginierbare Ursache-Wirkung-Mechanismus den Eindruck, einen entscheidenen Einfluß auf das Resultat zu haben. Aber ist das tatsächlich so? Wann beginnt denn unsere Entscheidungsfreiheit? Ab einer bestimmten Reife, gekoppelt an ein Lebensalter? Handelt es sich nicht vielmehr um Lernprozesse, die abhängig von den Maximen der Bezugspersonen eines kleinen Kindes, ein bestimmtes Verhalten verstärken beziehungsweise verdrängen und somit gar keine freie Willensbildung entstehen lassen? Diese frühkindlichen Prägungen, denen wir alle ausgesetzt waren, bestimmen meist unbewußt unser Verhalten im Erwachsenenalter. Insoweit ist eigentlich nicht wirklich von freiem Willen auszugehen.

Die Dinge sind, wie sie sind. Unsere Freiheit besteht darin wählen zu können, welche Bedeutung wir ihnen beimessen.

Es liegt also an uns, welche Bedeutung wir unserem Leben und auch unserem Tod geben wollen. Sehen wir den Tod als das absolute Ende unserer Existenz, ist es verständlich, daß er ein furchteinflößendes Geschehen ist. Neben des Kontrollverlusts, also die Aufgabe der (scheinbaren) Entscheidungsfreiheit, die mit unserem Ableben verbunden wäre, sind erwartete Schmerzen und Leid die Faktoren, die uns lieber nicht an ihn denken lassen wollen.

Doch gelingt es uns, zumindest eine offene Haltung gegenüber diesem anderen fundamentalen Ereignis unseres Lebens zu haben, das Sterben sozusagen als Geburt in eine neue, andere Dimension des Existierens zu sehen, das NICHT das absolute Ende unserer Seele bedeutet, wäre dieser Übergang wesentlich einfacher. Vieles spricht dafür, daß es nur unsere körperliche Hülle ist, die im herkömmlichen Sinne stibt.

Ich bin mittlerweile in einem Alter, wo meine bereits gelebten Tage zahlreicher sind als die mir noch bevorstehenden, möchte man den Sterblichkeitsstatistiken Deutschlands Glauben schenken. Damit einhergehend stellt sich mehr und mehr ein gewisser Gleichmut ein, wofür ich sehr dankbar bin. Mir wird immer klarer, was wirklich zählt und wie unwichtig ehemalige Prioritäten werden. Es ist die Hingabe an das Leben als solches, die Anerkennung und Wertschätzung der Tatsache, überhaupt eine Rolle in diesem gesamten Weltentheater spielen zu dürfen, denn nichts anderes ist es meiner Meinung nach, das Leben, eine vorübergehende Rolle, die wir mit unserem Erscheinen auf der Erde einnehmen, bis der Vorhang fällt, … wie das Laub im Herbst.


Im Anschluß noch eine kleine Auswahl einiger kürzlich gemachter Aufnahmen .

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